Japans dunkle Seite: Gangster und Gewalt



Es sollte Iccho Ithos letzter Tag werden. Am 17. April des letzten Jahres bricht der Bürgermeister von Nagasaki auf, um vor dem Bahnhof Wahlkampf für die anstehenden Kommunalwahlen zu betreiben. Wenig später überschlagen sich die Fernsehbilder. Itho liegt blutverschmiert auf der Straße, zwei Kugeln im Rücken. In der Nacht versuchen Ärzte, das Leben des Politikers zu retten. Vergeblich: In den frühen Morgenstunden stirbt er an seinen Verletzungen.
Geschossen hat Tetsuya Shirō, 59 Jahre alt und Mitglied von Japans größtem Yakuza-Clan, der Yamaguchi-Familie. Die amtliche Nachrichtenagentur Kyodo berichtet, Shirō habe mit dem Bürgermeister Streit wegen ein paar öffentlichen Bauaufträgen gehabt – andere sagen, an einer städtischen Baustelle sei Shirōs Auto beschädigt worden, und die Stadt habe keine Zahlungen leisten wollen.
Die Bosse der japanischen Unterwelt distanzieren sich von der Tat – Shirō habe auf eigene Faust gehandelt. Doch die japanischen Medien sehen die Sache anders: Shirō soll einer Scheinfirma der japanischen Mafia geholfen haben, öffentliche Bauaufträge zu bekommen. Die Stadtverwaltung hatte dies zu verhindern versucht. Der Bürgermeister, spekulieren die Medien, wurde ermordet, um andere Offizielle der Stadt einzuschüchtern.

Im vordergründig so friedlichen Japan gibt es viele Welten. In einer davon öffnet ein Filialleiter der Sumitomo-Bank eines Morgens seine Haustür und wird mit einem Kopfschuss getötet, und einem Vorstandsmitglied des Fuji-Konzerns wird mit einem Samuraischwert die Halsschlagader aufgeschlitzt. In dieser Welt werden in Tokyos illustrem Rotlichtviertel Kabukichō zwischen Nachtclubs, Restaurants und Karaokebars jedes Jahr 300 Tote gefunden. Wie viele davon auf das Konto der Yakuza gehen, ist schwer zu sagen. Aber in diesem Viertel läuft fast nichts ohne sie. „In Ecken wie diesen gibt es im Grunde kaum Polizei“, erzählt Akira, ein Freund, der ausnahmsweise mal ein paar Worte über die japanische Mafia verliert, beim Bummel durch Tokyos glitzernde Neonwelt. „Die Ordnungsmacht wird von der Yakuza übernommen.“
Waffenhandel, Spielhöllen, Wettgeschäfte, Prostitution, Schutzgeld-Erpressung, Drogenhandel, legale Geschäfte – das Repertoire der grauen Gesellschaft ist breit gefächert. Fast 90.000 Mitglieder, schätzt die Polizei, sind in den „Familien“ organisiert. Das größte Syndikat ist die Yamaguchi-Familie mit 40.000 Mitgliedern. Der renommierte japanische Wirtschaftsexperte Takashi Kadokura, der zwei Bücher über Japans Schattenökonomie verfasst hat, schätzt allein das illegale jährliche Einkommen der Yakuza auf umgerechnet mindestens sechs Milliarden Euro. Der Umsatz der 23 größten Syndikate wird auf 50 Milliarden Euro geschätzt – legale Geschäfte mit eingerechnet.
Aber was ist legal? In den 1980er Jahren begann die Yakuza, in größerem Stil eigene Unternehmen zu gründen, was die Grenze zwischen legalen und illegalen Aktivitäten verwischte. Im Visier waren besonders die Bau- und die Kreditbranche, aber die Organisation kaufte sich auch in Hotels oder Möbelhäuser ein. Banken blieben auf Krediten sitzen, die sie Yakuza-Firmen für solche Geschäfte gaben, und Chefbankiers bezahlten teuer, wenn sie ihren Forderungen zu massiv Ausdruck verliehen. Der Vizepräsident der Hanwa-Bank wurde auf dem Weg ins Büro erschossen, mehrere Banker, die als Zeugen vor Gericht gegen die Yakuza aussagen sollten, waren plötzlich tot. Im September 2000 fand man den neuen Präsidenten der Nippon Credit Bank tot in einem Hotelzimmer in Osaka. „In der Zeitung stand, dass die Polizei von Selbstmord ausging“, erinnert sich Akira. „Aber es wurde auch von Streit und Schreien aus dem Hotelzimmer berichtet.“

Die Banken erschweren zudem die Ermittlungen, weil sie die Kontakte zur Yakuza oft nicht preisgeben wollen. Aus Angst oder auch aus Eigennutz, denn viele Opfer waren ursprünglich Geschäftspartner der Yakuza, die nun aussteigen wollen. So wie Immobilienfirmen, die mit Yakuzahilfe unwillige Mieter zwingen, ihre Wohnung zu kündigen oder Besitzer, ihre Häuser zu verkaufen, damit wertvolle Grundstücke frei werden – bis die Yakuza eine Schwachstelle im Unternehmen findet und die Baufirma plötzlich selber zum Opfer von Erpressungen wird. Das Spiel lautet nutzen und benutzt werden. Solcherlei Verflechtungen sind der Grund, warum die Yakuza nicht vernichtet werden kann. „Sie ist Bestandteil der Gesellschaft“, sagt Akira nüchtern, und sehr japanisch sagt er nicht dazu, ob er das gut oder schlecht findet.
Zum einen sind allgemein Auseinandersetzungen in Japan nicht beliebt, Streitkultur ist eher etwas westliches. Man wahrt lieber den Schein, vermeidet Gerichtsprozesse, gibt nach und zahlt – für die Yakuza ein fruchtbarer Boden. Zum anderen dringen die Arme der Yakuza tief in alle gesellschaftlichen Bereiche. Mitsuhiro Suganuma, einst Sektionschef beim Geheimdienst für Öffentliche Sicherheit und als solcher auch mit der Yakuza beschäftigt, sagte unlängst ausländischen Journalisten, dass weder der Internationale Flughafen Chubu bei Nagoya noch die Expo 2005 in Aichi ohne Zustimmung und Unterstützung der Yakuza möglich gewesen wären. Hunderte von Top-Politikern und Wirtschaftsbossen wurden über die Jahre festgenommen wegen ihrer Beziehungen zu Yakuzabossen. Viele Fachleute glauben, dass die Yakuza in den letzten 40 Jahren entscheidend dazu beigetragen hat, die Liberal-Demokratische Partei an der Macht und weniger konservative Alternativen mit Drohungen und Korruption außen vor zu halten. Schon nach dem Weltkrieg begannen kriminelle Schlägertrupps, Oppositionelle und Gewerkschafter im Auftrag von Regierenden niederzuprügeln.

Politiker sind oft tief in Yakuzakontakte verstrickt und handeln selten. „Viele Politiker sind selber Yakuza“, sagt Japans Star-Regisseur Takeshi Kitano, der einige distanzierte Yakuzafilme gedreht hat. Oft sind es die Mafiosi, die für die Politiker Wahlkampfgelder auftreiben oder ihre Konkurrenten abwehren. Polizeibeamte sind nach ihrer Pensionierung wegen ihrer geringen Pension darauf angewiesen, als Aufpasser in yakuzalastigen Branchen wie der Schiffsindustrie zu jobben. Nirgendwo sonst arbeiten so viele pensionierte Polizisten wie in den Hallen, in denen Pachinko gespielt wird, ein sehr populäres Glücksspiel mit kleinen Kügelchen. Wer zu Dienstzeiten weiß, dass er als Renter dort arbeiten werden muss, wird sich wohl zurückhalten beim Kampf gegen seine künftigen Arbeitgeber.
Doch auch im Alltag des Normalbürgers ist die Yakuza präsent. „Du kennst doch diese warmen Handtücher, die man in jedem Restaurant vor dem Essen zum Händeabputzen bekommt“, sagt Akira und deutet auf eine kleine Nudelküche. „Die Wäscherei, die sie nach Geschäftsschluss abholt, ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein Betrieb der Yakuza. Wer nämlich diese Tücher zählt, weiß auch, wie viele Kunden ein Restaurant hat – und damit, wie viel Schutzgeld es bezahlen kann.“
Als Kobe 1995 vom Erdbeben erschüttert wurde, war es die Yamaguchi-Familie, deren Sitz Kobe ist, die vor Ort die Menschen mit Wasser, Decken und Lebensmitteln versorgte - während die Behörden die eilig aus Europa eingeflogenen Lawinenhunde erst einmal ordnungsgemäß tagelang in Quarantäne steckten. Läuft man durch Tokyo, kann man die Yakuzas kaum übersehen. Sonnenbrillen, Dauerwellen, deutscher Mercedes und amerikanische Schlitten sind ihre Markenzeichen. Bis in die 1990er Jahren hinein konnte man die Adresse der lokalen Yakuza ganz einfach im Telefonbuch nachschlagen. Auf Visitenkarten teilten die Bosse ihren Status in der Organisation mit, und in den für jedermann erkennbaren Büros hingen die Namen der Mitglieder aus.
Selbst Unfallopfer haben sich schon an die lokale Yakuza-Filiale gewandt. Eine tote Katze hier, ein vor der Haustür parkender dunkler Edelschlitten da, ein an der Tür klingelnder Mann mit Sonnenbrille – und der Unfallgegner zahlt die gewünschte Entschädigung. Das geht viel schneller als ein unliebsamer Gerichtsprozess. Ein Passant ist über die Leiter des Handwerkers gefallen und hat sich verletzt? Im Krankenhaus bekommt er auf mysteriöse Weise ein Einzelzimmer und Besuch von einem freundlichen Mann, der ein kleines Geldgeschenk bringt und ein Schreiben, das den Passanten zum Verzicht auf teures Schmerzensgeld nötigt.

Erst seit einer neuen, rigoroseren Anti-Mafia-Gesetzgebung ab 1992 wurde vieles subtiler, und das einstige Yakuza-Büro ist nun, halbherzig getarnt, vielleicht eine Arbeitsvermittlung oder ein Kreditbüro. Die Yamaguchi-Familie gründete ein „Finanzforschungsinstitut“, das Material über japanische Firmen sammelt – vorzugsweise Informationen, die sich zur Erpressung nutzen lassen.
Für diesen Zweck gibt es eine große Schnittmenge zwischen den Yakuza und den so genannten Sokaiya: Männer, die darauf spezialisiert sind, sich mit einigen Wertpapieren in Aktiengesellschaften einzukaufen und diese dann zu erpressen. Mit einem einfachen Trick: Auf der Aktionärsversammlung sitzen die Herren mit den Sonnenbrillen und Goldkettchen in der ersten Reihe und pöbeln herum, werfen Flaschen nach vorne, decken fragwürdige Aktivitäten des Konzerns auf oder stellen Fragen nach den sexuellen Affären der Manager. Umgehen kann das Unternehmen solch unschöne Sitzungen, indem es bezahlt. Über die Jahre fließen da Millionen. Der Nomura-Konzern, eines der weltweit größten Wertpapierhäuser, hatte 25 Millionen Euro an solche Sokaiya gezahlt, bevor die Sache aufflog und der Präsident sowie etliche Verwaltungsratsmitglieder ihren Hut nehmen mussten. Die renommierte Kaufhauskette Takashimaya, bis dahin als kaiserlicher Hoflieferant in hohem Ansehen, zahlte sechs Millionen Euro an die Sokaiya. Seit Jahren schon halten rund 2000 japanische Aktienunternehmen ihre jährliche Aktionärsversammlung allesamt an ein und demselben Tag ab – schließlich können die Störenfriede nicht überall gleichzeitig sein.

Doch oft sind diese Sokaiya auch Geister, welche die Konzernleitung selbst gerufen hat und nun nicht mehr los wird. Denn nicht selten engagieren die Vorstände die Claqueure selbst und bezahlen sie dafür, dass sie unbequeme Fragesteller aus den Reihen der Aktionäre niederklatschen oder durch ihre bloße, bedrohliche Anwesenheit ruhigstellen. Im harmonieliebenden Japan dauern solche Aktionärsversammlungen oft nicht einmal 30 Minuten. Kritische Fragen werden nicht gestellt. Schwierig wird es aber für den Konzern, wenn er die Aufpasser wieder loswerden und nicht mehr bezahlen will.
Man kann das als Erpressung sehen – oder als Dienstleistung. Und das ist das Problem. In einer Gesellschaft, für die der Schein oft wichtiger als das Sein ist, gibt es viele kreative Möglichkeiten, die Realität zu verdrehen. Abraham Lincoln hatte einst eine japanische Delegation gefragt: „Wenn Sie den Schwanz eines Schafs Bein nennen, wie viele Beine hat das Schaf dann?“ „Fünf“, antworteten die Japaner prompt. „Sie irren sich“, gab Lincoln zurück, „einen Schwanz ein Bein zu nennen macht noch keins aus ihm!“ Was Legalität ist und was Kriminalität, lässt sich oft schwer sagen. „Wir konzentrieren uns gern auf die positive Sichtweise“, nennt Akira dieses Phänomen. „Siehst Du das Blümchen da an der Mauer? Da hast Du es! Warum siehst Du nicht die Betonwüste drum herum? Weil Du Dich auf das konzentrierst, was Du sehen willst. Japan hat ein paar schöne Gärten, aber unterm Strich ist es doch zubetoniert. Trotzdem betonen wir immer, wie naturverbunden wir sind.“ Weil Geldgewinne aus dem Glücksspiel verboten sind, bekommt man in den Pachinkohallen seine Gewinne in Sachpreisen ausgezahlt – um die Straßenecke gibt es einen Kiosk der Yakuza, bei dem man seinen Preis mit reichlich Abzug gegen Geld verkaufen kann. Vom Kiosk landet der Preis direkt wieder in der Pachinkohalle. Ist das illegal? Legal? Beides?

Hinzu kommt etwas anderes. Wie so oft in Japan sind auch in Sachen Yakuza die Grenzen zwischen Mythos und Realität fließend. Literatur und Filme halten das Ethos eines Robin Hood ähnlichen Yakuza ebenso hoch wie die Tugenden des Samurai. Ehrenkodex, Loyalität und Respekt sind urjapanische Tugenden, und man findet durchaus Japaner, die deshalb in den Yakuza die letzten Vertreter dieses Japans sehen. Auch die Yakuza selbst empfinden sich als die letzten Samurai und proklamieren einen rechtskonservativen Kaiserstaat, in dem der Kaiser wie zu Vorkriegszeiten wieder als Gott verehrt werden soll. Filme, welche die Yakuza glorifizieren, erklären sich auch durch den massiven Einfluss der Yakuza in der gesamten Unterhaltungs- und damit auch in der Filmindustrie.
Ya-ku-za, das bedeutet acht-neun-drei, nach einem alten Kartenspiel, in dem diese Kombination unnütz war – Yakuza sind jene, die in der Gesellschaft keinen Nutzen haben, ein Auffangbecken für die Fallengelassenen. Tatsächlich hat die Organisation einen ihrer Ursprünge im mittelalterlichen Glücksspiel, und bis heute ist dies eine ihrer wichtigen Einkommensquellen. Die Eintreibung von Schutzgeldern hingegen entstand aus dem Türverkauf von Waren. Zudem entstanden im 17. Jahrhundert aus herrenlosen Samurai Gruppen, die gegen Schutzgeld Bürger vor anderen Banden schützten. All die Wurzeln flossen nach dem Zweiten Weltkrieg zur Yakuza von heute zusammen, als die Versorgung schlecht war und es keine Arbeit für die zurückkehrenden Soldaten gab.
Die Hoffnungslosen sind eine vielversprechende Klientel. Menschen ohne Schulabschluss, Arbeitslose, die im Land verachteten Koreaner, sie bekommen eine Chance im Fußvolk der japanischen Mafia. In einer Zeremonie mit Reiswein vor dem Oyabun, dem „Vater“, bekommt der Anwärter in einem traditionellen Hotel einen neuen Kimono und gelegentlich eine rituelle Waschung. Er ist dann ein Chimpira, ein Novize, und kann es durch Handlangerdienste zum Kobun („Kind“) bringen. Geld bekommt er keins, im Gegenteil: Er bezahlt seinen Boss, und der seinen, und der wiederum seinen. Im Gegenzug bekommt er Territorium und Schutz, verpflichtet sich aber zum Schweigen und geht für seinen Boss auch mal ins Gefängnis.
Einen Fehler kann man wieder gutmachen, indem man sich ein Fingerglied abschneidet – ein Ritual, das vor den Augen des Oyabun stattfindet. Beim ersten Fehltritt beginnt man mit der oberen Kuppe des linken kleinen Fingers. Bei weiteren Vergehen folgen weitere Fingerglieder. Nach Samuraidenken kann man ein Schwert umso schwerer halten, je weniger Finger man hat. Heute wird das Fingerglied weiterhin traditionell mit einem Kurzschwert abgetrennt, aber immer häufiger auch mit Hammer und Meißel.
Angeblich sollen die „Simpsons“, weltweit zur kultigen Zeichentrickserie avanciert, in Japan ein paar Anlaufschwierigkeiten gehabt haben, weil die Comicfiguren alle nur vier Finger haben – das Erkennungszeichen der Yakuza. Andererseits stammt das Musterbeispiel ländlicher Unschuld schlechthin, Heidi, sogar direkt aus japanischen Zeichentrickstudios, und auch Heidi hat nur vier Finger. Wie auch immer, eine Hand mit fehlenden Fingergliedern auf den Tresen in der Bar zu legen, bewirkt beim Barbesitzer wahre Wunder – ebenso wie die aufwändigen Tätowierungen, die typisches Erkennungsmerkmal der Yakuza sind. In japanischen Badeanstalten hat man deshalb oft mit Tätowierungen Zutrittsverbot.

Eines hingegen verwundert. Japan gilt als Land mit extrem niedriger Kriminalitätsrate. Dass einem dort etwas geklaut oder man als Normalbürger auf der Straße überfallen wird, ist relativ unwahrscheinlich. Haustüren werden oft tagsüber nicht verschlossen, wenn man zuhause ist. Akira sagt: „Für andere Verbrecher lässt die Yakuza vermutlich nicht viel Handlungsspielraum.“ Polizeibehörden sagen: Wir halten die Oberwelt in Ordnung – die Yakuza die Unterwelt. Denn Verbrechen außerhalb der Yakuza sind schwierig und riskant. Und für die pragmatische Polizei in Japan gibt es nur eins, das man sich noch weniger wünscht als Organisierte Kriminalität: unorganisierte Kriminalität.



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