Morgendämmerung in Eden



Gut, dass sie heute Nacht gefressen haben. Die beiden Löwen liegen plötzlich direkt vor uns im Gras, und wir sind im offenen Landrover unterwegs. Sieben Meter weiter, und wir wären ihnen über den Schwanz gefahren. David stoppt den Wagen und schaltet den Motor aus. Dicke Bäuche und eine empörende Lethargie zeugen vom Jagderfolg. Der König der Tiere würdigt uns keines Blickes und schüttelt gelangweilt seine Mähne, sein Kumpel dreht uns mit der typischen Arroganz einer Katze einfach den Rücken zu und schnauft verächtlich.
Seit Stunden ruckelt Ranger David mit mir und einem Fährtenleser durch das Buschland des Ngala-Reservates im Krüger-Nationalpark und zeigt mir Vögel, Vogelknochen im Erbrochenen einer Hyäne, wie man sich nachts am Kreuz des Südens orientiert, Giraffenbeinknochen, Zebras, Schakale, Leoparden, Giraffen, Gazellen, gewaltige Termitenbauten, Büffel, Affen, Orchideen, die auf Bäumen wachsen und natürlich den einsamen Single im Wasserloch, das Nilpferd: 13 Kilo Futter frisst es am Tag, nicht eben viel - aber wenn man den ganzen Tag unter Wasser rumsteht und nur die Nase raushängen lässt, reicht das. Die beiden Löwen, beide sechs Jahre alt, kennt er gut.
"Manchmal", grinst David, "begleiten sie die Weibchen bei der Jagd, aber die Kerle stellen sich ziemlich doof an und versauen meistens alles. Da schleichen die Weibchen sich kunstvoll an eine Herde Gazellen heran, und plötzlich steht ein Löwenmann einfach auf, reckt den Hals übers Gras und peilt die Lage. Die Gazellen sind dann natürlich im Nu verschwunden."

Aber manchmal finden die Löwen im Krüger-Nationalpark ungewöhnliche Beute - Menschen. Im Nordosten grenzt das von Konflikten wirtschaftlich entkräftete Mosambik an den südafrikanischen Nationalpark. Immer wieder haben in der Vergangenheit illegale Flüchtlinge versucht, ihre verarmte Heimat zu verlassen und durch den Krügerpark ins fortschrittliche Südafrika zu gelangen. Viel zu oft schon sind Flüchtlinge von hungrigen Löwen zerissen worden. Dann mussten auch die Raubkatzen getötet werden, denn wenn sie einmal den Respekt vor den Menschen verlieren, können sie auch für die Touristen gefährlich werden.

Doch vielleicht wird jetzt alles anders. Wenn alles gut geht, gibt es schon bald keinen Grund mehr, von Mosambik nach Südafrika zu fliehen. Eine gewaltige Idee soll die Wirtschaft der südafrikanischen Staaten auf Vordermann bringen, und der Krügerpark ist Bestandteil dieser Idee. "Transfrontier Parks" heisst das Konzept. Der Krüger-Nationalpark wird mit angrenzenden Parks in Mosambik und Simbabwe zu einem gemeinsamen, grenzübergreifenden Park zusammengefasst, die Zäune dazwischen verschwinden. Weitere Anlagen dieser Art sind in 10 afrikanischen Ländern in Arbeit. Der Volksmund nennt die neuen Parks "Peace Parks", weil ihre gemeinsame Verwaltung Frieden zwischen den jeweils beteiligten Ländern voraussetzt.

Die Peace Park Foundation wurde 1997 vom WWF Südafrika und seinem Vorsitzenden, dem Geschäftsmann und Milliardär Dr. Anton Rupert, ins Leben gerufen. Die Idee ist ebenso genial wie einfach: Größere Parks sind gut für das Gleichgewicht der Natur und bringen mehr Touristen in die ärmeren Gebiete. Mehr Touristen bedeutet mehr Wirtschaft, mehr Wirtschaft mehr Kaufkraft und Wohlstand für alle. Wohlstand wiederum ist eine gute Basis für Frieden und demokratische Strukturen. Auch für die frisch gegründete Afrikanische Union kann das vielleicht von Vorteil sein, denn die Peace Parks lassen die einzelnen Staaten näher zusammen rücken und helfen so, Frieden und Wohlstand zu schaffen. Aber der Reihe nach.
Benachbarte private Reservate wie das Ngala-Reservat, durch das David mich führt, haben bereits ihre Zäune zum Krügerpark abgerissen. Wenn in wenigen Monaten auch die Zäune nach Mosambik und Simbabwe fallen, wird der neue "Great Limpopo Transfrontier Park" (benannt nach dem Limpopofluss, der durch das Gebiet fließt) knapp 100.000 Quadratkilometer umfassen und damit so groß sein wie Portugal. Das neue Eden beherbergt 147 Säugetierarten, 505 Vogelarten, 35 Amphibienarten, 119 Reptilienarten, 51 Fischarten und über 2000 Pflanzenarten und wird das größte Tierreich der Erde. "Die einzige Person, die etwas ähnliches gemacht haben dürfte, ist Noah", schwärmte Südafrikas Umweltminister Valli Moosa.

David wirft den Landrover wieder an und ruckelt weiter durch das Buschland. Hier in Südafrika ist jetzt Winter, es ist empfindlich kalt, das Gras steht relativ niedrig und die Bäume und Büsche haben nur wenig Blätter. Drei Elefantenbullen ziehen grasend an uns vorüber. Die Riesen sind in der Stille der Landschaft kaum zu hören, stinken aber so intensiv, dass selbst ein Mensch problemlos ihre Fährte aufnehmen kann. "Wenn die Bäume so wenig Blätter haben", erklärt David, "reißen die Elefanten junge Bäume aus und fressen die Wurzeln".
Im alten Krügerpark war das ein Problem. Mit 9000 Elefanten auf 21.000 Quadratkilometern waren eindeutig zu viele baumreißende Dickhäuter unterwegs. Sie zerstörten den Mittagstisch anderer Pflanzenfresser. Notgedrungen wurden deshalb regelmäßig Elefanten abgeschossen, um die Population zu regulieren. Im neuen Peace Park, so hofft man, können sich die Elefanten wieder breit machen, hier ist jetzt Platz für alle. Bei vielen Tierarten reguliert die Population sich dann wieder auf natürliche Weise, denn das riesige Gebiet ermöglicht Wanderbewegungen, bei denen die Schwachen zurück bleiben und sozusagen von der Natur persönlich aussortiert werden.
Eine gigantische Umsiedelaktion wurde bereits in Angriff genommen. 1000 Elefanten wurden vom Hubschrauber aus betäubt, auf Lastwagen verladen und nach Mosambik chauffiert. Viele der Tiere hatten früher hier gelebt, waren aber durch die Kriege der Menschen vertrieben worden. Ein Elefant weiß, wo geschossen wird. Früher wurde hier im Grenzgebiet Südafrika-Mosambik alles, was zwei bis vier Beine hat, mit Maschinenpistolen niedergemetzelt. Tretminen zerfetzten die Tiere. Wilderer rissen Wildfleisch und Elfenbeinzähne direkt aus der Natur heraus. Freiwillig wäre ein Elefant nie hierher zurück gekehrt, und auch von den umgesiedelten Tieren sind einige schon wieder ausgebüchst, haben Teile des noch bestehenden Zauns nach Südafrika platt getrampelt und sind in ihr altes Terrain zurück marschiert. "Landminen" hatte mir zwei Tage zuvor Parkaufseher Gilberto Vincente erklärt, "gibt es keine mehr in diesem Park. Die im Park befindlichen Areale Mosambiks sind freigeräumt." Einige Elefanten scheinen sich darauf lieber nicht verlassen zu wollen.

Während wir weiter fahren, zeigt David die Spuren der Nacht. In der Nacht hatten wir einen Leoparden und sein Junges beobachtet. Der Leopard hatte eine Impala-Antilope fünf Meter hoch auf einen Baum gezerrt, und in der Astgabel hatte sich der Nachwuchs dann über das Essen hergemacht - der Rest der Antilope baumelt jetzt mit dem Kopf nach unten noch im Baum. "Lebende Impalas sehen morgens immer ein bisschen glücklich aus, weil sie eine weitere Nacht überlebt haben", sagt David. In das Verhältnis zwischen Beute- und Raubtier muss der Mensch umso mehr eingreifen, desto kleiner ein Nationalpark ist. Erst die Weite sichert den biologischen Kreislauf. Die selbstregelnden Mechanismen der Natur funktionieren um so besser, je größer das Gebiet ist, das man dem Leben überlässt.
Auch die Giraffe und ihr wenige Wochen altes Fohlen haben die Nacht überlebt. Das Kind hat sich ziemlich weit von der Mutter entfernt. "Das macht im Grunde nichts, weil Giraffen so weit sehen können", erläutert David, "aber es kommt immer wieder vor, dass die Jungen verloren gehen." Und deshalb lenkt er den Landrover so, dass wir Mutter und Kind nicht auseinandertreiben. Es zählt zum Peace-Park-Konzept, dass die Natur stärker respektiert wird und der Tourist ein Verständnis dafür bekommt. Im Ngala-Reservat kann man gar nicht mit dem eigenen Auto durch die Büsche fahren, es gibt auch kaum Straßen. Ein fachkundiger Führer schützt bei der Safari die Tier- und Pflanzenwelt und bringt den Touristen gleichzeitig naturbewusstes Denken nahe.
Ökotourismus beginnt eben im Kleinen.

Das gewaltige Buschfeuer sehen wir schon aus zehn Kilometern Entfernung. Per Funk erkundigt David sich, ob es schon registriert wurde, und offenbar ist man bereits damit beschäftigt, Gegenfeuer zu legen. Der Himmel ist schwarz gefärbt. Überall ist es rappeltrocken, jeder Schritt wirbelt Sand auf. "Wenn wir Pech haben", sagt David, "regnet es erst in zwei oder drei Monaten wieder."
Eben diese Dürre, die auf dem Boden das Feuer öfter gedeihen lässt als das Getreide und Gemüse, macht vielen Menschen zu schaffen: Denn wie lebt man, wenn man Bauer ist und der Boden hart und trocken? In Armut lebt man. Die Peace-Park-Idee sieht auch hier einen Ansatzpunkt. Mosambik im Grenzbereich Südafrikas hat trockenen Boden, für die Landwirtschaft eigentlich nicht geeignet. In manchen afrikanischen Sprachen ist das Wort für Regen identisch mit dem für Wohlstand. Beides hat Seltenheitswert. Die Menschen können mehr verdienen, wenn sie sich nicht mit dem harten Boden abgeben, sondern mit dem flüssigen Tourismus-Geschäft. Neun von zehn Touristen kommen der Tiere und der Natur wegen nach Südafrika. Doch aus Sicht der einheimischen Schwarzen waren Tierreservate bis vor kurzem Spielwiesen für die Weißen, an denen sie selber nichts verdient haben. Im Gegenteil: Wilde Tiere waren etwas, das die ohnehin schon kargen Felder verwüstet und das Nutzvieh reißt. »Verzweifelte, verarmte Menschen«, so Peace-Park-Gründer Rupert, »können nicht für die Erhaltung der natürlichen Ressourcen gewonnen werden. Doch wenn sie dabei eine ökonomische Perspektive für sich erkennen, werden sie zu zu begeisterten Naturschützern. Durch die Schaffung grenzüberschreitender Peace Parks werden Arbeitsplätze für Millionen Menschen entstehen.«
Um das zu erreichen, setzt das Peace-Park-Konzept ganz bewusst auf die Einbeziehung der lokalen Bevölkerung. Stellt eine Dorfgemeinschaft Land für eine Safari-Lodge zur Verfügung, wird sie an deren Einnahmen prozentual beteiligt und bei der Vergabe von Arbeitsplätzen und Lieferverträgen bevorzugt behandelt. Die ersten Lodges gehören bereits vollständig lokalen Dorfgemeinschaften. Im Mosambik-Teil des Peace Parks können Menschen ansässig bleiben, wenn sie wollen - dann baut man ihnen einfach Schutzzäune gegen Raubtiere um die Dörfer. Alternativ können sie landwirtschaftlich besser nutzbares Ersatzland anderswo bekommen. Aber niemand soll mehr zwangsumgesiedelt werden für einen Nationalpark.

Der Tourismus ist die Schlüsselindustrie im südlichen Afrika. Die "Südliches Afrika Initiative der Deutschen Wirtschaft" (SAFRI), deren Vorsitzender DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp ist, hat dazu eine Studie erstellen lassen. Demnach profitieren von einem stimulierten Tourismus beispielsweise auch das Transportgewerbe, Möbelhersteller und Innenausstatter, die Werbebranche, der Fahrzeugbau, die Baubranche, die Eisen- und Stahlproduktion, die Nahrungsmittelbranche, das Textilgewerbe und so weiter und so weiter. 1999 waren in den südafrikanischen Ländern 3,4 Millionen Arbeitsplätze vom Tourismus abhängig. 2010, so die SAFRI-Studie, können es bereits fünf Millionen sein. Zehn Touristen finanzieren einen Vollzeitarbeitsplatz und damit bis zu zehn Familienmitglieder. Doch der Zaun zwischen Nationalpark und Einheimischen war auch ein Zaun zwischen Erster und Dritter Welt, nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht: Vor allem mangelt es bei vielen Einheimischen an Qualifikationen, um am Tourismusgeschäft zu partizipieren.
Ich besuche das Southern African Wildlife College am westlichen Rand des Krügerparks. Mit Unterstützung des WWF und der Deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau wurde es 1995 gegründet und nahm 1997 seine Arbeit auf: Parkmanager ausbilden. Die Absolventen, so Park-Manager und College-Professor Arrie van Wyk, sollen lernen, wie man Naturschutzgebiete mit Langzeitnutzen verwaltet und dabei möglichst effektiv mit der lokalen Bevölkerung zusammenarbeitet. Gerade hat er 50 Studenten aus 13 afrikanischen Ländern da. Themen sind unter anderem Vegetation, Tiermanagment, Ökonomie, Geologie, Klimakunde, Populationsstudien und Ökotourismus. Überall im College hängen Warntafeln, dass Schlangen sich gerne im Gebälk aufhalten und von oben auf einen herabfallen - töten sollen die Studenten sie trotzdem nicht: "Wir leben hier nach unserer Philosophie und halten die Studenten an, Schlangen, die sie in ihrem Zimmer finden, nicht zu töten, sondern ins Freie zu bringen", so van Wyk. Die späteren "Natural heritage managers" sollen sich den Naturschutzgedanken einverleiben, bevor sie später selbst interessierte Einheimische unterrichten und ihnen das nötige Know how für das Geschäft mit dem Tourismus vermitteln werden.

Das südafrikanische Ministerium für Umwelt und Tourismus hat sich ein verantwortliches Tourismuswachstum und gleichzeitig die Erhaltung der natürlichen Ressourcen des Landes zum Ziel gesetzt. "Was wir auf keinen Fall wollen, ist Massentourismus", sagt auch Claus-Peter Hutter, Präsident der Umweltstiftung Euronatur, die sich für die Peace-Park-Idee stark macht. "In den Kerngebieten des neuen Parks wird es vielleicht Beschränkungen der Touristenzahlen geben. Ansonsten sorgt ja die Vergrößerung des Gebietes schon dafür, dass die Touristen sich besser verteilen." Bisher drängten sich im Krügerpark an den tierreichen Wasserstellen die Autos und Busse - die können sich nun über 100.000 Quadratmeter verteilen und so nebenbei auch das wirtschaftlich schwache Mosambik unterstützen. Der Mosambik-Teil des neuen Peace Parks bekommt eine Infrastruktur, aber sie wird bewusst auf niedrigem Level gehalten, um die Natur zu schonen. Mit nur einem Visum können die Besucher sich im gesamten Park frei bewegen, die Eintrittsgelder (derzeit umberechnet rund drei Euro pro Tag und Erwachsenem plus 2,50 Euro pro Auto) werden nach einem Schlüssel unter den beteiligten Ländern aufgeteilt, die Einnahmen aus Dienstleistungen (wie Übernachtungen) verbleiben als Finanzspritze im jeweiligen Land. Auch die Weltbank prognostiziert wirtschaftlichen Aufwind für das südliche Afrika durch die Peace Parks und unterstützt die Idee.

"Politik", sagt Euronatur-Chef Hutter, "agiert in Umweltbelangen viel zu langsam, die Wirtschaft ist da deutlich schneller." Weshalb seine Organisation sich bemüht, Umweltbelange und Wirtschaftsunternehmen zusammen zu bringen, damit Ökologie und Ökonomie nicht länger ein Widerspruch sind. Die Deutsche Lufthansa engagiert sich für die Peace Parks - im Gegenzug profitiert sie, wenn sie mehr Touristen nach Südafrika fliegen kann. DailmerChrysler ist Gründungsmitglied der Peace Park Foundation und hat bisher rund eine Million Dollar gespendet: Von einem wirtschaftlichen Aufschwung und einer höheren Kaufkraft profitiert das Unternehmen, dass in Südafrika stark vertreten ist, dann wieder. Zwölf Prozent der Weltbevölkerung leben in Afrika - aber nur zwei Prozent des weltweiten Bruttosozialproduktes werden hier erwirtschaftet - da verbirgt sich noch eine Menge Potenzial.

Der Wirtschaft will man ihren Lauf lassen. Der Natur auch. Auf der Fahrt vom College zum Busch-Flughafen kommt uns auf der Sandpiste ein Elefantenbulle entgegen. Als er unser Fahrzeug entdeckt, stellt er sofort die Ohren auf und trampelt den Rüssel schüttelnd auf uns zu. Elefanten sind arrogant: Wenn sie einen Weg benutzen, wollen sie nicht diskutieren, wer Vorfahrt hat. Der Fahrer weicht in die Büsche aus, der Elefant zieht vorbei.
Irgendwie symbolisch.

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